Shortbus - Michael Sennhauser
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Kultur-Nachrichten, Mittag, 24. Nov. 2006, DRS2:
Muss ich mir am Mittag unbedingt anhören, was für abartige sexuelle Praktiken die Darsteller im neuen Kinofilm Shortbus zeigen? Es ist Mittagszeit, DRS2. Können solche Sachen bitte am Abend um 23 Uhr in einer Filmbesprechung auf dem nationalen Radio diskutiert werden?
Ich ärgere mich über die zunehmnde pornografisierung des Alltags. Ich empfinde es als penetrant, wie einem eine pornografische Weltsicht nahezu aufgedrängt wird.
Ich bin mir bewusst, dass viele Ehen nicht funktionieren, aber der Grund dazu liegt nicht in zuwenig Pornographie, sondern in unserer Beziehungsfähigkeit. Es ist darum nicht nötig um die Mittagszeit einen Pornofilm in Details zu rezensieren - auch aus dem Jugendschutz, der ja gerade in diesem Tagen so oft diskutiert wird.
Für mich ist das ein weiteres Beispiel für die Doppelmoral in unserer Gesellschaft: Die Erwachsenen sind nicht fähig und willig auf Treue und Liebe basierende Zweierbeziehungen zu leben und wundern sich wenn nach ihren öffentlich zelebrierten Lust-Selbsterkundungsreisen plötzlich auch die Jugend auf den Geschmack kommt?
Lieber Michael, das Glück lässt sich auch in einer 2er Liebesbeziehung finden und es braucht auch keine vorherigen 1000 Experimente dazu. Und wenn schon in Details über einen solche Film rezensiert wird, dann sollte auch diese Haltung klar vermittelt werden. Weil eine labile Person mithören könnte, welche sich durch den Film beeinflussen lässt. z.B. ein Jugendlicher der so etwas unwahrscheinliches tut wie am Mittag Radio hören.
Und wenn wir Sexualität thematisieren wollen, dann bitte an der Schule und mit einem guten Budget und professionellen Diskussionen, aber nicht in so unreflektierter Weise am Radio und am TV. Und mit einem Rückgrat an Werten, d.h. dem Bezug auf die treue Liebes-Zweierbeziehung oder zumindest von einer Sexualität in einem “vernünftigen” und gesunden Rahmen. Man muss nicht alles ausleben und man muss auch nicht über alles am Radio diskutieren.
Da diese Anfrage von allgemeinem Interesse sein kann, werde ich Ihre Antwort bloggen auf:
http://dave-gordan.slowli.com
Die Antwort:
Lieber Dave Büttler,
Die Tatsache, dass ein Film wie “Shortbus” bei uns ins Kino kommt, ist für mich nicht nur erfreulich, sondern auch ein absolut hinreichender Grund, ihn in unserem Kulturmagazin DRS2aktuell zu besprechen. Nur schon damit sich Zuhörerinnen und Zuhörer gegebenenfalls für oder eben auch gegen einen Kinobesuch entscheiden können. “Shortbus” ist einer der wenigen Filme, die sich mit dem, was Sie die “zunehmende pornografierung des Alltags” nennen, auseinandersetzt. Durchaus kritisch im übrigen, eine der Figuren führt ihre eigenen Probleme darauf zurück. “Shortbus” ist kein Pornofilm, auch wenn er die technische Definition dafür erfüllt.
Wenn ich Ihre Einwände lese, komme ich allerdings zum Schluss, dass es mir nicht gelungen ist, zu vermitteln, was “Shortbus” meiner Meinung nach eben zu einem positiven, erfreulichen und liebenswürdigen Film macht, ja sogar zu einem Plädoyer für die von Ihnen angeführte Zweier Beziehung. Da war ich wohl zu optimistisch in der Hoffnung, dass die Besprechung genügen könnte, um jemanden dazu zu bringen, sich auf den Film einzulassen.
Ich als Journalist ärgere mich meinerseits über die zunehmende reflexartige Abwehrreaktion vieler Menschen gegenüber genau jenen Produktionen, die sich mit heiklen Themen auseinandersetzen. Wenn ultrareligiöse Organisationen sich gegen Filme verwahren, die sich keiner der Aktivisten angesehen hat, dann erschreckt mich daran vor allem der blinde Herdentrieb, die Reaktion auf missliebige Stichworte. Ob nun christliche Aktivisten vor Kinosälen protestieren oder islamistische Demonstranten sich lautstark über eine Papstrede aufregen, die sie nicht gehört oder gelesen, geschweige denn verstanden haben: Es ist diese Gartenlaubenmentalität, die davon ausgeht, dass die Bekämpfung von (vermeintlichen) Symptomen das Übel zum Verschwinden bringen könnte.
Mit Ihren Argumenten müssten sie sich zum Beispiel viel eher gegen die breite Berichterstattung zum neuen James-Bond-Film zur Wehr setzen. Der ist nicht nur attraktiv und freigegeben für Jugendliche (im Gegensatz zu “Shortbus”), sondern (im gewohnten Rahmen) gewaltverherrlichend und ganz sicher stilbildend und prägender für die “labilen” Jugendlichen, die Sie am Mittag gerne schützen würden. Es ist aber bezeichnend für genau jene “Doppelmoral”, welche Sie beklagen, dass exzessive Gewalt im Kino kaum je im gleichen Masse zu Protesten führt, wie auch nur die Andeutung eines Geschlechtsaktes und es ist eben so bezeichnend für die Mechanik dieser Doppelmoral im Markt, dass in eben diesem neuen James Bond der Sex unglaublich dezent, die Folterung des Helden dagegen unglaublich direkt dargestellt werden.
Zum Schluss noch eine kleine Provokation meinerseits: “Shortbus” vermittelt mit vordergründig pornografischen Elementen eine Botschaft der Liebe, ein Plädoyer für Verständnis für die eigenen Verklemmtheiten und vor allem jene unserer Partner, für Entscheidungsfreiheit und gegen (!) den Leistungsdruck einer künstlich sexualisierten Gesellschaft. Und “Shortbus” findet ausserhalb des Arthouse-Kino Marktes ganz sicher keine Zuschauerinnen und Zuschauer. Mel Gibsons “The Passion of the Christ”, ein Film, der - technisch gesehen - so bibeltreu ist, wie Shortbus pornografisch, vermittelt ein Bild des Schreckens und des Horrors von den Leiden Christi, welches manchen und manche Jugendliche ziemlich nachhaltig verstört (und möglicherweise für alle Zeiten von dieser Religion abgeschreckt) haben dürfte. Und der wurde auf Grund der weltweiten religiösen Propaganda zu einem Millionenerfolg. Ich bin überzeugt, dass wir nur auf Grund der eigenen Anschauung und Auseinandersetzung mit Themen (und Filmen) zu selbständigen und liebesfähigen Menschen werden. Ganz sicher nicht über die reflexartige Ausblendung von Dingen nach Stichworten.
Ich bin gespannt, ob Sie meine Antwort nun tatsächlich und vollständig in Ihrem Blog veröffentlichen.
Mit freundlichen Grüssen:
Michael Sennhauser
Meine Antwort:
Lieber Michael Sennhauser
Besten Dank für die Antwort. Ich glaube wir haben uns falsch verstanden. Ich habe nix gegen Porno solange diese von freiwilligen Darstellern stammen und nicht völlig überhand nehmen (wie dies momentan der Fall ist).
Was mich stört ist der fehlende Jugendschutz. Über Sex, Gewalt und Dummheit wird an den öffentlichen Medien immer ungenierter auch während den Tageszeiten berichtet. Das ist das Problem.
Ausserdem bin ich der Meinung dass auch der Staat moralische Wertvorstellungen vertritt und diese in den Medien verteidigen muss. Das wäre eigentlich auch eine Aufgabe der Religion, doch ich bin leider der Meinung, dass dies von dem organisierten Christentum ungenügend wahrgenommen wird (einzelne vorbildliche Pfarreien ausgenommen).
November 28th, 2006 at 23:03
Vor mehr als 24 Stunden habe ich Ihnen eine ausführliche Antwort gemailt. Wie wärs, wenn Sie die nun auch wie angekündigt veröffentlichen würden?
December 2nd, 2006 at 5:28
[…] Der Mann empört sich über die “unreflektierte Weise”, in der ein Radiobeitrag angeblich Sexualität diskutiert, er regt sich auf über die “Pornografisierung des Alltags” und “Doppelmoral” und unterstellt dem Journalisten, die traditionelle Zweierbeziehung herabzuwürdigen. Er verlangt eine Antwort des Radioredaktors und erklärt, er werde diese in seinem Blog veröffentlichen. […]